Offener Brief an Otto Neuhoff

Sehr geehrter Herr Neuhoff,
sehr geehrte Frau ██████,
sehr geehrte Frau ███████,

wir schreiben den 3.6.2019 (richtig, aus Ihrer Sicht ist es zwei Monate her), und Frau ██████ schreibt mir soeben:

Lieber Herr Kleinert, bitte sehen Sie mir nach, dass ich Ihnen erst jetzt auf Ihre E-Mail antworte. Im vorliegenden Fall, wird der in Rede stehende Bereich in den nächsten Tagen durch Kollegen des Fachdienstes Tiefbau in Augenschein genommen, um Maßnahmen zu prüfen. Sobald dieser Termin erfolgt ist, werden wir Sie unaufgefordert über das Ergebnis in Kenntnis setzen. 
Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrag


…und da denke ich so bei mir: “Oh, da antwortest Du am besten mal gleich”. 

Doch dann besinne ich mich eines Besseren und denke stattdessen: “Nee, da antwortest Du am besten mal gleich und schickst die Antwort erst in zwei Monaten ab!

Weil ich nämlich ganz genau weiss, dass sich in zwei Monaten weder etwas an den Problemen im “in Rede stehenden Bereich” getan haben wird, noch dass es irgendein Ergebnis geben wird, über das ich unaufgefordert in Kenntnis gesetzt worden sein werde.

Ich schreibe diese Zeilen also, wie schon gesagt, von Ihrem Standpunkt aus vor zwei Monaten. 

Und sehen Sie? Genau so ist es gekommen. 

Magie!

Es ist kaum zu glauben, aber die bisherigen Erfahrungen mit Ihrer Behörde haben mir hellseherische Kräfte verliehen!

Danke dafür!

Und weil meine Erlangung übersinnlicher Fähigkeiten gefeiert werden muss, habe ich beschlossen, diese Antwort öffentlich zu machen, so dass sie jeder lesen kann. Sie wird in unveränderter Form auch auf 7gebirge.de veröffentlicht werden (Ihre Namen werde ich natürlich schwärzen, ausser den von Herrn Neuhoff, weil er eine Person des öffentlichen Interesses ist und am Ende die Verantwortung tragen wird).

Sie wissen natürlich, worum es geht, aber die Leser auf 7gebirge.de noch nicht. Lassen Sie mich deshalb kurz rekapitulieren (Sie, Frau ██████, Frau ███████ und Herr Neuhoff, können die folgenden 4 Absätze ja einfach überspringen): 

Ich habe nichts gegen Mountainbiker. Es ist ein toller Sport, der viel Spaß macht, und die allermeisten Mountainbiker sind auch nette und rücksichtsvolle Menschen. Ich habe mehrere Mountainbiker in meinem Freundeskreis, alles ist gut zwischen uns. Leider ist es aber bei Mountainbikern wie bei allen anderen Menschen auch: Eine vergleichsweise kleine, dafür aber umso deutlich sichtbarere Gruppe ist einfach unverschämt und rücksichtslos und bringt damit sich und andere in Gefahr. 

Jedem vernünftigen Menschen ist klar, dass man hier nicht Mountainbike fährt. Leider gibt es nicht nur vernünftige Menschen.

 

Seit mehr als acht Jahren kämpfen die Anwohner in unserer Nachbarschaft dafür, dass die Stadt Bad Honnef etwas dagegen unternimmt. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Den meisten vernunftbegabten, erwachsenen Menschen ist es vollkommen klar, dass man einen engen und verschlungenen Weg nicht mit voller Geschwindigkeit mit dem Mountainbike runterbrettert… ebensowenig wie die darunter liegende schmale Steintreppe und den weiter unten anschließenden Weg ins Dorf, der links und rechts Familien mit Kindern und alten Menschen zu seinen Anwohnern zählt. Der überwiegenden Mehrheit wird sogar klar sein, dass Mountainbikes auf diesen Wegen eigentlich überhaupt nichts zu suchen haben. Aber wie schon gesagt – eine kleine, aber umso präsentere Gruppe von Menschen tut es trotzdem. Es gab deswegen sicher hunderte von Schreiben und Beschwerden und Anfragen, es gab zig Ortstermine, und letztes Jahr probierten wir es sogar mit Kaffee und Kuchen für die Herren und Frauen vom Ordnungsamt, aber natürlich nützte das alles nichts. 

Vor einiger Zeit fiel uns schließlich auf, dass die Steintreppe, welche den 1% Rücksichtslosen zum Männlichkeit-Beweisen dient (erstaunlicherweise steigen begleitende Frauen so gut wie immer ab oder sagen: ‘Nee, da fahr ich nicht runter, das ist doch asozial’), sich nunmehr allmählich in ihre Bestandteile auflöst. Mit dem rapide schlechter werdenden Zustand der Treppe ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich hier oben ein wirklich schlimmer Unfall ereignet, und dabei rede ich nicht von Schürfwunden oder einfachen Knochenbrüchen. 


Und obwohl vollkommen klar war, dass auch dieses Mal nichts passieren wird, schrieb ich doch nochmal eine (vor)letzte Mail an die Stadtverwaltung. Inspiriert dazu hatten mich unsere neuen Nachbarn von unten am Weg, welche noch nicht lange hier wohnen. Diese hatten natürlich auch schon unangenehme Erlebnisse mit den 1%, stehen deshalb ihrerseits ebenfalls mit dem Rathaus in Kontakt und berichteten mir eines Morgens, dass sich “jetzt endlich was tun” werde und das “Tiefbauamt eingeschaltet” sei. Dass ich daraufhin in lautes Lachen ausbrach, konnten sie erst überhaupt nicht verstehen. Erst als ich sie darüber aufklärte, dass das Märchen vom sich ganz sicher demnächst darum kümmernden Tiefbauamt nun auch schon seit Jahren erzählt wird, dämmerte ihnen die traurige Wahrheit.

Soweit die Erklärung für unsere Leser. Jetzt zurück zu uns, liebe Frau ██████, liebe Frau ███████ und lieber Herr Neuhoff.


Lassen Sie uns ganz offen und ehrlich sein und die Dinge einfach mal beim Namen nennen:

Sie tun nichts.

Vermutlich können Sie es gar nicht. Ihre Expertise liegt einfach woanders. Sie können falsch aufgestellte Maibäume abtransportieren lassen, die Rhöndorfer Weinberge mit dämlichen Mauern zerteilen und netten Menschen auf den Zeiger gehen, weil sich ihr Goldregen ein paar Millimeter zu weit auf den Gehweg beugt. Aber in unserer Situation, wo es ein echtes Problem gibt, alle paar Wochen jemand verletzt wird und die Anwohner phasenweise keine ruhige Minute mehr haben, sind sie einfach zu nichts in der Lage. Seit Jahren nicht (und in anderen Situationen, wo Ihre sogenannte ‘verbürgte Lebensfreude’ zum blanken Hohn mutiert, übrigens ebenso wenig).

Das Ordnungsamt Bad Honnef (Symbolbild)

  

Sie wissen ganz genau, dass ein uneinsichtiger Weg mit stellenweise 60cm Breite und eine schmale Sandsteintreppe nicht für Mountainbike-Rennen geeignet sind, und der Weg ins Dorf weiter unten schon gar nicht. Und dass es Unfälle gibt und Verletzungen und dass nicht nur wir sondern auch die anderen Anwohner mit ihren Nerven am Ende sind. Dafür gab es Ortstermine, Gespräche und all den anderen nutzlosen Scheiß. 

Ihre Ordnungsamt-Mitarbeiter haben das selbst gesehen. 

Ihre Ordnungsamt-Mitarbeiter haben das selbst bestätigt, in Anwesenheit der Anwohner. Beim Ortstermin mit Kaffee und Kuchen.

Links und rechts von diesem Weg wohnen ältere Menschen und Familien mit Kindern. Auf dem Weg selbst rasen unbelehrbare MTB-Trollos mit 40 Stundenkilometern ins Dorf runter. Verbürgte Lebensfreude, kann man da nur sagen.

  

Die einfachste Lösung, zwei bis drei Drehkreuze, wie sie auch andernorts im Stadtgebiet angebracht sind, würde praktisch nichts kosten und das Problem ein für alle Mal lösen. Aber das wollen Sie ja gar nicht. Sie möchten Ortstermine, Meetings, Besprechungen, Wiedervorlagen, Memos und am Ende des Monats neues Geld auf Ihrem Konto. 

Manchmal, wenn mal wieder ein paar Unbelehrbare laut johlend die Treppe runterbrettern, die Steine nach links und rechts fliegen, meine Hunde und ich schier einen Herzkasper kriegen, das Wild panisch durch den Wald flüchtet, sich einer der Typen längs auf die Nase haut und ich mit dem Erste-Hilfe-Koffer nach unten laufe, dann stelle ich mir vor, wie Sie in ihrem Büro sitzen, meine Mail lesen, zufrieden in sich reingrinsen und dabei denken: “Haha, und der arme Spinner bezahlt mich auch noch fürs Nichtstun. Was für ein geniales Leben!”

Tja, und jetzt werden Sie sich schätzungsweise einmal mehr vor Lachen die Bäuche halten und sich fragen, warum ich überhaupt nochmal geschrieben habe – wenn uns doch eh allen klar ist, dass Sie nichts tun werden. Die Antwort ist: Ich wollte es einfach mal öffentlich gemacht haben, denn wie schon erwähnt – es stellt sich nicht mehr die Frage, ob sich hier ein schlimmer Unfall ereignen wird. Es stellt sich nur noch die Frage, wann es so weit ist.

Dieses Schild hängt seit mindestens neun Jahren. Es hing schon bei unserem Einzug da. Das Problem mit solchen Appellen: Sie wirken nur auf vernünftige Menschen. Mit unvernünftigen Menschen kann man sich solche Schilder genau so sparen wie Briefe an den Bürgermeister von Bad Honnef.

 

Und daher möchte ich ankündigen, dass ich dann bereitwillig für Interviews zur Verfügung stehen werde, und von den zig Ortsterminen und von all dem Hinhalten und Vertrösten und von all den leeren Versprechungen erzählen werde, und vom Märchen vom unaufgeforderten In-Kenntnis-Setzen – wobei solche Sätze fallen werden wie: “Die Frau ██████ und der Herr Neuhoff? Klar, die wussten die ganze Zeit bescheid und haben nichts unternommen.”

Bis dahin steht eines auf jeden Fall schon mal fest: In der Top Ten der größten Enttäuschungen von Rhöndorf haben Sie einen glorreichen zweiten Platz ergattert.


Liebe Grüße,
Stephan Kleinert

P.S.: Ich hätte da noch einen Vorschlag für eine verbesserte Dachmarke. “Lebensfreude verbürgt”, das glauben Sie ja hoffentlich selbst nicht mehr. Wie wäre es also mit ein bisschen mehr Realitätsbezug? Bitte sehr: