Der Bericht zur Lage der Nation

von

Nein, ich erzähle nichts zur Wahl*.

Wer unser Blog liest und uns kennt, der kann sich unsere Gefühle zum Wahlergebnis gut vorstellen.

Stattdessen möchte ich mir über den Scheiß mal ein paar Minuten nicht meinen Kopf zerbrechen, sondern lieber von den Hunden erzählen, und wie sich die Dinge mit Candor, unserem Neuzugang entwickeln.

Wie Frau K. ja schon berichtete, waren die ersten Tage nicht leicht.

Zwar vertrugen sich Buba und Candor beim Kennenlernen im Tierheim und auf dem Probespaziergang recht gut, aber zuhause wurde es dann sehr kompliziert. Heißt soviel wie: Am zweiten Tag war ich so weit, Candor wieder im Tierheim abgeben zu wollen, was mir ziemlich sicher das Herz gebrochen hätte.

Glücklicherweise begegnete uns auf meinem gefühlten Tiefpunkt unsere Nachbarin von unten aus dem Dorf (ebenfalls eine Frau K.), welche über viel Erfahrung mit vielen Hunden verfügt, und beruhigte uns äußerst überzeugend, sowas könne Wochen dauern und sie sei sich sicher, dass das schon werden würde. Ein Besuch unserer Hundetrainerin einen Tag darauf tat dann ein Übriges, und bald entspannte sich die Situation zusehends.

Nachdem wir dies nun alles hinter uns haben, ist mein persönlicher Rat an alle, die vor dem gleichen Problem (Ersthund verträgt sich nicht mit potentiellem Zweithund) stehen:  Sucht euch live und offline richtige Hilfe bei einem richtigen Menschen, am besten bei einem erfahrenen Hundetrainer.

Und, wie bei eigentlich allen wichtigen Dingen des Lebens: Lest auf keinen Fall irgendwelche Onlineforen… und, solltet ihr doch den Fehler begehen (weil es so einfach ist) ignoriert tunlichst all die Ratschläge die da lauten: “Der erste Tag ist DAS ALLERWICHTIGSTE! Das MUSS unbedingt klappen, denn an den ersten Tagen ENTSCHEIDET SICH ALLES!!11!”. Oder so ähnlich.

(und, hier muss ich auch leider einwerfen: Die Vorgehensweise vom Tierheim Bonn, nur 1 Probetag anzubieten und danach muss man sich entschieden haben, ist echt nicht so geschickt. Der erste Tag sagt eben u.U. noch gar nix, und man macht sich auf diese Art und Weise nur künstlich fürchterlichen Stress, welcher sich prompt auf die Tiere überträgt)

Jetzt, vier Wochen später, kann man kaum glauben, dass das Verhältnis so konfliktbehaftet begann. Inzwischen teilt Buba mit Candor bereitwillig ihre Sonnenplätzchen, das Sofa und ihr unser Bett, die beiden schnüffeln im Wald, die Nasen aneinander gedrückt, nach Mäuschen und anderen Dingen die sie nicht haben dürfen… und nur beim Futter gibt es noch Meinungsverschiedenheiten, weswegen die beiden getrennt gefüttert werden.

Es ist wirklich wunderschön zu sehen, wie sich die beiden aneinander gewöhnen, und wir lernen nochmal eine ganze Menge über Hunde dazu. Beispielsweise, wie sie in einem erweiterten Rudel die Dinge neu hinterfragen und klären möchten, und dass es sehr wohl einen Unterschied zwischen Rudelzugehörigkeit und Freundschaft gibt.

Aber (leider) lernen wir auch mehr über Menschen und ihr Verhalten. Und darüber, dass kleine Hunde gut sind, und große nicht.

Angst essen friedliches Miteinander auf

Obwohl nämlich Buba – weil oft noch immer ängstlich und unsicher in ihrem Verhalten – potentiell viel problematischer in ihrem Umgang mit Menschen ist als Candor, ziehen wir viel mehr besorgte bis ängstliche Blicke auf uns, seitdem der große Junge bei uns weilt.

Das alles wäre an sich noch kein Problem, da Candor an sich sehr zurückhaltend und freundlich ist. Im Zusammenspiel mit Buba entwickelt sich jedoch bei ängstlichen Menschen eine sehr unglückliche Dynamik, die am Wochenende zu der ein oder anderen ebenso unglücklichen Situation geführt hat.

Buba glänzte wie gesagt noch nie durch Mut und Selbstbewusstsein. Am Anfang hatte sie vor allen möglichen Dingen Angst… vor Kindern mit Stöcken, vor großen Männern, vor entfernten Kinderstimmen, vor mehr als vier Menschen auf einmal, vor engen Gassen und vor Plätzen ohne Fluchtmöglichkeit… das alles wurde zwar sehr viel besser, aber richtig vergehen wollte ihre Angst nie. Das ist auch vollkommen in Ordnung, vermutlich hat es ihr und/oder ihren Kindern auf den Straßen von Burgas das Leben gerettet. Und wir sehen es als großes Geschenk, dass sie viel davon abgelegt hat und uns jede Menge Vertrauen entgegenbringt.

Wie alle ängstlichen Hunde hat Buba ein sehr feines Gespür dafür, wenn jemand ihr gegenüber negativ eingestellt ist oder selbst Angst hat. Letzteres interpretiert sie als Unsicherheit und bekommt im Gegenzug selbst Angst, weil sie nicht weiß, was ihr Gegenüber mit ihr anzustellen gedenkt. Wenn man die Straßen von Bulgarien kennt, dann ist von Ertränken über Erhängen bis zu Vergasen potentiell alles drin.

Früher war das kaum ein Problem, denn Buba ist vergleichsweise klein und entsetzlich süß und so kam kaum jemand auf die Idee, Angst vor ihr zu haben. Jetzt aber, mit dem großen Jungen neben ihr, der – zumindest in seinem momentanen, geschorenen Zustand und mit ein bisschen bösem Willen – irgendeiner reisserischen Kampfhund-Schlagzeile aus der Blöd-Zeitung entsprungen sein könnte, ist die Sachlage leider eine vollständig andere, und nur allzu schnell beginnt der Teufelskreis:

1) Jemand hat Angst vor Candor

2) Buba bemerkt dies, wird unsicher, und bellt und grummelt vor sich hin

3) Candor hört dies und möchte unbedingt beweisen, dass er zum Rudel gehört, und bellt und grummelt ebenfalls. Nur eben ungefähr tausendmal lauter.

4) Dieser Jemand aus Punkt 1 hat nun natürlich noch mehr Angst vor Candor…

5) …was Buba noch unsicherer macht, weswegen sie noch mehr bellt bzw. langsam aber sicher total durchdreht…

6) …worauf Candor noch mehr beweisen möchte, dass er dazu gehört und ebenfalls hohl dreht…

7) …undsoweiter undsofort

Und es hilft natürlich auch nicht, wenn der betroffene Mensch mit einem “huuuch!!!” einen Satz zwei Meter zurück macht und mir dann wild gestikulierend erklärt dass meine nun vollends durchgedrehten und mit lautem Kläffen in den Leinen hängenden Hunde total scheiße sind.

Glücklicherweise wissen wir, wie das alles entsteht, und so können wir auch gegensteuern.

Aber es ist ein langer, schwieriger Prozess, denn es bedeutet zuallererst mal, Buba (die immerhin schon über vier Jahre hier wohnt und überhaupt nicht versteht, warum sie sich jetzt plötzlich ändern soll) weiter zu erziehen und ihr noch mehr Sicherheit zu geben; gleichzeitig aber auch Candor zu zeigen dass alles ok ist, auch wenn die Kleine Angst hat, und dass ausschließlich wir das Vorrecht haben, Interaktion mit anderen Menschen zu beginnen.

Das ist bei einem Hund allein schon nicht ganz einfach, bei zweien gleichzeitig ist es ne echte Herausforderung.

Ich habe selbst vor so einigen Dingen Angst.

Manches davon lässt sich leicht erklären, anderes nicht, trotzdem hat es alles seine Berechtigung und Gültigkeit. Beispielsweise habe ich große Angst davor, in einem Deutschland zu leben, in dem allen Ernstes 13% der Bevölkerung Neonazis in den Bundestag wählen. Aber jetzt ist es eben leider so, und ich muss irgendwie für mich einen Weg finden, damit umzugehen. Und, wesentlich schlechter erklärbar und zugegebenermaßen sehr unfair aber dennoch ebenfalls gültig, ich habe noch viel größere Angst vor Menschen mit psychischen Störungen**.

Deshalb habe ich das allergrößte Verständnis dafür, wenn jemand Angst vor Hunden hat. Ich nehme Rücksicht, ich bin besorgt, und ganz sicher ist es für mich nicht schön. Ich versuche dann meistens, die Situation zu erklären, gelobe Besserung, und oft ist die Welt auch ganz schnell wieder in Ordnung.

Nur leider gibt es auch Zeitgenossen, die das Verhalten der Hunde zum Anlass nehmen, mich auch noch Tage später wie ein Stück Dreck zu behandeln, jedes freundliche Kommunikationsangebot meinerseits mit einem beleidigten “jaja” und “ist mir egal” abzukanzeln und mir stattdessen wiederholt mit tadelndem Zeigefinger und strafendem Blick irgendwas davon zu erzählen wie ich meine Hunde ‘dressieren’ muss und dass ich gefälligst dieses tun oder jenes lassen soll, widrigenfalls etc. etc.

Richtig dolle problematisch wird es, wenn diese Individuen auch noch in der allernächsten Nachbarschaft wohnen.

Wer mich kennt kann es sich vermutlich nicht vorstellen, aber irgendwann hört auch ein Herr K. damit  auf, freundlich zu seinen Mitmenschen zu sein… und am Wochenende war ich schließlich Millimeter davor, so nachhaltig in die Luft zu gehen, dass die Hunde das geringste Problem gewesen wären.

Aber vorher kamen wir zum Glück auf eine neue, eigentlich sehr einleuchtende Regel, was am besten zu tun ist, wenn die Gedanken nicht aufhören wollen, um die Tatsache zu kreisen, dass man gerade Stress mit Menschen hat, die nicht vernünftig mit sich reden lassen:

Man trifft und unterhält sich stattdessen mit netten Menschen, macht lange Spaziergänge durch eine wirklich atemberaubend schöne Gegend und besinnt sich auf all das Gute, das man im Leben hat.

Klingt eigentlich einleuchtend, aber wir mussten uns dazu mit aller Gewalt zwingen.

Glücklicherweise gelang uns das, denn so hatten wir einen wunderschönen Ausflug durch das neblige Tretschbachtal, und wir hatten netten Besuch von zwei sehr lieben Menschen, die keinerlei Probleme mit unseren Hunden hatten, mit denen wir den ganzen Abend lang interessante und angeregte Gespräche führten und die uns ohne dass sie viel dazu tun mussten irgendwie das Gefühl gaben, dass die Welt doch nicht so kompromisslos beschissen ist, wie einem das manchmal vorkommen mag.

In diesem Sinne: Nächste Woche bitte gerne mehr von den schönen Dingen.

Und weniger Scheiß. 🙂


* Komisch. Irgendwo hab ich wohl doch über die Wahl geschrieben. Wenn auch auf irgendwelchen Meta-Ebenen versteckt. Mache ich gerne, das ist dann auch der Grund dafür, warum mich niemand versteht 😉

** eigentlich ist auch diese Angst schnell erklärt: Eine Ex-Freundin von mir war damals angehende Psychotherapeutin und arbeitete freiwillig im Kinder- und Jugendtelefon. Eines Tages meldete sich eine vermeintliche Jugendliche mit Selbstmordabsichten bei ihr, die sich sechs Monate später (allein durch beherztes Eingreifen meinerseits und mit großartiger Hilfe der Kriminalpolizei Höxter) in Wahrheit als erwachsene Frau mit Borderline-Störung herausstellte. Sechs Monate lang hatte diese Frau meine Ex-Freundin an der Nase herumgeführt, manipuliert, vollständig an sich gebunden und unsere eh sehr wackelige Beziehung zu einer einzigen grausamen Psycho-Hölle gemacht. Ich werde diese vollständig kaputte Zeit nie vergessen. Vielleicht erzähle ich irgendwann einmal mehr davon.

 

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2 Comments

  1. Wir haben auch einen “Deprivationshund”, einen Labradoodle aus einer amtlichen Beschlagnahmung. 5 Jahre alt und muss nun “das Leben lernen”.
    Da wird schnell das Schwänzchen gekniffen und/oder die Flucht ergriffen. Neue Sachen und Personen führen sofort zur Panikattacke. Gottseidank haben wir 99,9% verständnisvolle Nachbarn, Bekannte und Freunde, die alle über das Vorleben unseres Doodles Bescheid wissen und entsprechend positiv reagieren.
    Weiterhin viel Erfolg mit Euren Hundis!
    Liebe Grüße aus der Pfalz.

  2. Dann wünsche auch ich viel Glück!! 🙂

    Wir sind sehr froh dass wir mit Buba die Erfahrung machen konnten, wie dankbar Hunde mit einer ‘schwierigen’ Vergangenheit/Prägung sind, dass man sie aufnimmt und sich um sie kümmert, deshalb arbeiten wir natürlich auch sehr gerne weiter mit ihr 😉

    Verständnisvoll und positiv sind hier zum Glück auch so gut wie alle. Bis auf… naja, besagte Person eben, der ich allerdings schon mit diesem Posting eigentlich viel zu viel Platz eingeräumt habe.

    Eine von Bubas Töchtern war noch wesentlich ängstlicher… und ausgerechnet die war leider in zunächst eine Familie vermittelt worden, in der niemand auch nur die allergeringste Ahnung hatte, und wo’s zwei aufgedrehte kleine Kinder gab, einen bereits vorhandenen aufgedrehten und nie erzogenen kleinen Hund, und zusätzlich zu allem auch noch einen Säugling. Zum Schluss kam die tagelang nicht mehr unter dem Bett vor und hatte Angst vor wirklich allem, inklusive im Wind schwankenden Grashalmen. Zum Glück ist sie inzwischen woanders untergekommen, und auf einem gutem Weg…

    Liebe Grüße
    Stephan

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