Liebe Mutter

von

Weisst Du noch? Wir hatten uns ganz fest vorgenommen, loszuziehen und gemeinsam die weißen Reiher zu fotografieren, die Du so sehr mochtest.

Du hast mir immer wieder davon erzählt, und irgendwann ganz bald wollte ich mal mit dem großen Teleobjektiv bei Dir anrücken, und dann würden wir uns zusammen im Schilf auf die Lauer legen und schöne Bilder machen.

ScanNun wird das nie wieder möglich sein.

Ich kann noch gar nicht fassen, was es für mich bedeuten wird, Dich nicht mehr zu haben. Nie wieder mit Dir reden zu können, Dir keine Fragen mehr stellen zu können, nichts mehr mit Dir unternehmen zu können.

Nach dem Tod meines Vaters vor drei Jahren wolltest Du ihm am liebsten so schnell wie möglich hinterher folgen. Ihr hattet 40 Jahre zusammen gehabt, wart eng zusammengewachsen, und Du konntest Dir nicht vorstellen, ohne ihn zu existieren.

Deine Zuflucht und Dein vermeintlicher Helfer war der Alkohol, der nach und nach Deinen Körper zerstörte und unser beider Leben zur Hölle machte… Deines andauernd, und meines so oft, dass ich irgendwann Abstand von Dir nehmen musste, um nicht daran zu zerbrechen.

Du warst verzweifelt, meinen Vater nicht mehr zu haben, und Du warst ebenso verzweifelt zu sehen was die Sucht mit Dir anstellte, und Du warst ebenso verzweifelt darüber, was es für mich bedeutete, Dir dabei zusehen zu müssen und nicht helfen zu können. Du sagtest immer wieder, wie unendlich leid es Dir tut, und dass Du Dir das niemals verzeihen könntest.

Scan 1

Ich brauche Dir nicht zu verzeihen, das habe ich Dir immer wieder gesagt, und ich sage es auch jetzt noch einmal. Es gibt keine Kränkung, die ich Dir verzeihen müsste. Du warst krank und verzweifelt, daran trugst Du keine Schuld, also musste auch niemand etwas verzeihen.

Es ist wahr, ich war mehr als einmal in den letzten drei Jahren am Ende meiner Kräfte, aber ich habe Dich immer geliebt, und ich werde Dich immer lieben.

Scan 3Und zum Schluss geschah ein kleines Wunder: Es ging endlich wieder bergauf mit Dir!

Du schöpftest neue Hoffnung, Du machtest Pläne für Deine Zukunft, und auch die Sucht drängte sich nicht mehr so in den Vordergrund wie in den Monaten zuvor… Man könnte es als Ironie bezeichnen, dass Du ausgerechnet zu einem Moment gingst, wo es Dir endlich wieder besser ging… aber ich bin dankbar, dass Du in Frieden und Hoffnung gegangen bist, und nicht in Leid, Schmerz, Trauer und Verzweiflung, so wie die Jahre zuvor.

Und all das Leid der Jahre zuvor werden verblassen gegenüber dem, was ich hauptsächlich mit Dir verbinde.

Eine der ersten Erinnerungen meines Lebens, wenn nicht sogar die allererste bewusste Erinnerung, geht so: Ich war vielleicht vier oder fünf Jahre alt und mit meinem Großvater im Weiherwald spazieren gewesen. Damals wohnten wir alle zusammen in Karlsruhe in diesem kleinen Hexenhäuschen in der Breiten Straße, mit der großen Linde im Garten. Es mochte wohl Hochsommer gewesen sein, die Sonne stand hinter der Linde und tauchte den ganzen vorderen Hof in gelblich glitzerndes Licht. Am Haus entlang ging ein langer Weg zum Hinterhaus hin und weiter zur Scheune.

Scan 2

Mein Großvater und ich schritten durch das Hoftor und ich wollte schon mit ihm zusammen ins vordere Haus gehen, da kamst Du hinten am Weg um die Ecke. Du hattest irgendwas weißes an und es sah so aus als ob Du in dem wunderbaren Sommerlicht badetest. Du gingst in die Hocke, breitetest Deine Arme aus, lächeltest ein ganz wunderbares Lächeln und riefst mich.

Und ich rannte!

Wie ich auf Dich zurannte!

Wie Du mich in die Arme nahmst und an Dich drücktest.

Das war das Schönste, das Allerschönste, das Glück an sich.

So werde ich mich auf ewig an Dich erinnern, und nicht anders.

Am Tag nach Deinem Tod waren Frau K. und ich mit Deiner Kamera am Rhein unterwegs und in einem Altrhein-Arm neben uns flog ein weißer Reiher los.

Es war ein ganz schöner Anblick. Das Bild ist für Dich. Ich wünschte mir so sehr, wir hätten es zusammen machen können:

P.S: Grüß meinen Papa von mir! Ihr werdet immer fehlen!

 

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9 Comments

  1. * *drückdich*

  2. Auch wenn wir uns nicht kennen, möchte ich Dir mein Beileid aussprechen und wünsche Dir und Euch viel Kraft.

  3. Mein aufrichtiges Beileid.

    Der Text ist schön. Er hat mich sehr berührt.

  4. Hallo Stephan,
    Mein herzliches Beileid, hoffe es geht Dir/euch den Umstaenden entsprechend gut.

    Frank

  5. “Du hattest irgendwas weißes an und es sah so aus als ob Du in dem wunderbaren Sommerlicht badetest.” – ist die schönste erinnerung die du haben kannst – ich drück dich!

  6. Danke euch allen vielmals.

  7. Es tut mir sehr leid! Eine Mutter lässt sich durch nichts ersetzen :'(

  8. Hallo Stephan,
    auch wenn wir uns “nur” über das Web, Dein Blog und BotanyBay kennen: Fühl Dich gedrückt!
    Liebe Grüße aus der Pfalz.

  9. Vielen, vielen Dank.

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