Emotion Porn

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Es weihnachtet sehr, und angesichts dieser Tatsache füllen sich die sozialen Netzwerke dieser Welt momentan noch mehr als sonst mit herzerwärmenden Videos, erbauenden Sinnsprüchen und inspirierenden Anekdoten.

Nicht erst seit heftig.co und seinen allgegenwärtigen Viral-Headlines wird einem bei einem unverbindlichen Spaziergang durch Facebook sehr schnell klar, dass Mitgefühl, Menschlichkeit und Empathie ganz groß im Trend sind und unsere Herzen regieren.

Es wimmelt von Geschichten, die uns aufatmen oder verletzt zusammen zucken lassen. Die uns Tränen die Augen jagen. Die uns ungläubig vor dem Monitor sitzen und “die Welt ist doch nicht so schlecht” flüstern lassen.

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Dummerweise sind es Geschichten, die uns erzählt werden, einfach nur um simple Triebe zu befriedigen – Porno für Herz & Tränendrüse

Geschichten, die uns im Prinzip Dinge zeigen, die wir eigentlich jeden Tag um uns herum wahrnehmen könnten… aber supersized, um den Faktor 1000 verstärkt, sensationsheischend aufgebauscht, grell und bunt ins cartoonhafte verzerrt und in einen pervertierten Disney-Märchenkontext gesteckt, damit es auch ja wirkt.

So wie beispielsweise die herzzerreißende Story vom sterbenden Kleinkind, dessen Vater ihm ein letztes Lied vorspielt.

Keine Frage, es ist fürchterlich schlimm, dass das Kind so früh gehen musste, und es ist entsetzlich traurig für den Vater, und sie haben unser Mitgefühl ganz sicher verdient… aber hier ist die Wahrheit: Im Jahr sterben in Deutschlands Kinderhospizen über 4600 Kinder. Die alle, und ihre Angehörigen haben unser Mitgefühl ebenso verdient. Jedes einzelne.

Aber wenn uns so jemand auf der Straße begegnet kümmert es uns nicht, weil wir’s nicht wissen und auch nicht wissen wollen.

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Ganz beliebt auch: Die Videos und Geschichten von Kindern, die einen außergewöhnlichen Trick drauf haben.

Alle finden es sooooo supertoll und süß wenn die fünfjährige Nicole schon ganz super schön Klavier spielen kann oder der achtjährige Tobi ein Schlagzeugsolo einer abgefahrenen Metal-Band auf das Zehntel-Frame genau nachspielt. Wow, welch Musikalität. Teilen, Teilen, Liken.

Aber jede Wette: Wenn Nicole und Tobi erst mal älter sind, eine Band gegründet haben, ihre ganz eigene und außergewöhnliche Musik machen und versuchen, sie im Netz präsentieren und gehört zu werden, dann interessiert es alle plötzlich keinen feuchten Dreck mehr. Was, “Künstler” wollen die sein?! Sollen sich gefälligst eine richtige Arbeit suchen, die zwei. Das mussten wir ja schließlich auch.

Überhaupt Kinder und Kunst.

Keine Frage, Kinder sind was ganz genial Tolles… und Kinder die eine künstlerische Ader haben mal sowieso. Aber, ganz sonderbar, sobald die Kinder erwachsen werden, findet unsere Gesellschaft den Wunsch zur künstlerischen Selbstverwirklichung gar nicht mehr so unterstützenswert.

Jeder, der bei “Kind hat tolle künstlerische Fähigkeit” auf “Like” haut, sollte sich mal die Frage stellen, ob er eigentlich Künstler in seinem Bekanntenkreis hat, und wie oft er sie in den letzten Jahren unterstüzt hat. Jede Wette, das Ergebnis ist verheerend.

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Ebenso prächtig wie begabte Kinder laufen übrigens auch schlimme Krankheiten, wenn sie jemanden richtig Berühmten heimsuchen.

(man kann das übrigens auch super kombinieren: Das blinde Kind, das Klavier spielen kann. Ganz super!)

Damit wir uns richtig verstehen: Dass beispielsweise Michael Schumacher ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hat, das ist für ihn und für seine Familie eine Katastrophe, und sie haben unser Mitgefühl und unsere Besorgnis verdient.

Aber: Jährlich ereignen sich in Deutschland über 100000 Schlaganfälle (die sich oft ganz genau so äußern; Hirnblutung ist Hirnblutung). Für einen großen Teil der Betroffenen – und ihre Angehörigen – endet damit das Leben, so wie sie es gekannt haben.

Viele von denen, die es überleben, werden zu Pflegefällen; Angehörige sind gezwungen, ihren Liebsten monatelang beim Sterben zuzuschauen… und es trifft eben nicht nur Leute, die sich die allerbesten Ärzte und die allerbeste Pflege leisten können, weil sie Millionen damit verdient haben, schneller als andere wiederholt im Kreis zu fahren. Es trifft auch Menschen, die in unserer ganz normalen Welt mit ganz normaler, undankbarer Arbeit bestehen mussten, die kaum Geld haben oder verschuldet sind, die mit ihrer Krankheit alles verlieren, und deren Familie ebenfalls alles verliert.

Zigtausendmal im Jahr.

Haben die und ihre Angehörigen nicht auch unsere Besorgnis und unser Mitgefühl verdient? Tja, vielleicht, aber dummerweise berichtet die Blöd-Zeitung nicht auf der Titelseite darüber, stattdessen regt man sich über die “Sozialschmarotzer” auf, die durch solche Schicksale entstehen.

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Das waren jetzt nur drei ganz kleine Beispiele – aber ganz selbstverständlich sind es noch wesentlich mehr Menschen als diese viertausendsechshundert Kinder, die hunderttausend Schlaganfall-Patienten und all ihre Angehörigen und Betroffenen, die aus irgend einem Grund einen schweren Weg gehen müssen, die vor dem Trümmerhaufen stehen der mal ihr Leben war, die einen schrecklichen Schicksalsschlag verkraften mussten; oder die irgendetwas ganz tolles, wunderschönes, einzigartiges, traumhaftes können, was keine Sau in dieser Gesellschaft interessiert und was auch nicht gefördert wird weil es nicht kompatibel mit dem Leistungsdenken unserer schönen neuen Welt ist.

Und von all denen hört man nichts, weil keine Viral-Werbeschleuder ein Betroffenheitsvideo oder OhWieTollWasMitKindern-Video draus macht und auf Facebook stellt; weil sie es eben nicht bis zum Darsteller im Betroffenheits-Porno geschafft haben, zu dem wir uns jeden Tag einen von der Palme, pardon, Tränendrüse wedeln.

Stattdessen treffen wir sie auf der Straße, beim Einkaufen, auf dem Weg zur Arbeit, und wir alle sind uns gegenseitig egal – ich hab meine eigenen Probleme, lass mich in Ruhe.

Ich möchte mich hier keineswegs als Moralapostel aufspielen, im Gegenteil. Dieser Artikel ist genausoviel Rant wie er Beichte ist, denn ich bin überhaupt nicht immun gegen all diese Geschichten und Manipulationen. Das ist auch genau der Hauptgrund, warum ich das hier schreibe – weil es mich zuallererst mal an mir selbst ankotzt.

Ich beobachte bei mir immer häufiger, dass ich einfach nur noch meine Ruhe und meinen Frieden haben möchte.

Dass ich wegschaue wenn jemand traurig ist oder offensichtlich ein Problem hat. Dass ich den Mund halte wenn jemand ganz deutlich und offensiv Mist baut und/oder eine vollkommen verquere Ansicht äußert. Dass ich meine Musik und meine Gedanken für mich behalte, statt sie mit einem nicht vorhandenen Publikum zu teilen.

Und, vor allem, dass ich Leid nicht sehen möchte. Weder mein eigenes noch das anderer Menschen.

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Stattdessen sitze ich vor Fratzenbuch und ertappe mich hin und wieder dabei, wie ich ganz tief durchatme weil irgendjemand eine Heldendat vollbracht hat, oder weil ein Kind toll Klavier spielen kann.

Das ist so viel einfacher als selbst was zu tun.

Daher hier ganz offiziell und öffentlich, meine Vorsätze fürs neue Jahr:

Dem allgegenwärtigen Gefühlsporno entsagen und entfliehen, so gut es geht.

Auf Konzerte und Veranstaltungen gehen, Kreative und Künstler unterstüzten, statt Likes für vermeintlich toll begabte Kinder zu verteilen.

Wieder mehr selbst tun.

An wohltätige Organisationen spenden.

Selbst anapcken.

Freundschaften pflegen.

Hinhören und helfen, wenn ich es kann.

Menschen mehr wahrnehmen.

Mich wieder mehr betätigen ohne mich zu fragen “wozu eigentlich?”.

 

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2 Comments

  1. Danke für diesen Text. Da ist viel Wahrheit drin.

    Dazu kommt noch, dass Leid individuell ist und nicht “verrechnet” werden kann. Wieso geht’s dir so schlecht, dem Schumi geht’s noch viel schlechter? Eine lausige Argumentation, es gibt immer einem, dem es noch viel schlechter geht. Das Leid eines anderen nicht nach einem fremden Maßstab zu bewerten, ist eine der verwegendsten Formen der Toleranz. Und auch das schreibe ich nicht hier hin als Moralapostel, sondern zugleich vor allem mit hinter meine eigenen Ohren.

  2. Du rennst bei mir offene Türen ein … Auch das ist ein Grund, weshalb man mich weder bei twitter noch bei facebook findet (Die Sache mit den “Likes” finde ich persönlich eh ziemlich strange. Wenn man sich Anerkennung über die sog. “Sozialen Netzwerke (!)” holen muss, ist man m. E. ganz knapp an der “sozialen Verelendung”). Auch die Videos von ach so süßen Kindern, kleinen Tieren o.ä. finde ich inzwischen eher nervig. Meine “sozialen Verpflichtungen” erfülle ich ausnahmslos im Real Life. Nichtsdestotrotz: Frohe Weihnachten an Euch. Und danke für das schöne Foto. Macht mir mal wieder klar, wie schön meine pfälzer Heimat doch ist.

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